Liebe Geschwister
Zuweilen lese ich die Leserbriefe in den
Tageszeitungen. Da wird dies und jenes beklagt; Autofahrer, die sich über
Velofahrer aufregen und umgekehrt; Fussgänger über Autofahrer und umgekehrt. Vielen
Leserbriefen ist eines gemeinsam; Schuld ist immer der andere und der
Autofahrer schreibt so als wäre er nie selbst Fussgänger, obwohl er sicher auch
diese Perspektive sehr wohl kennt.
Schon in der Bibel steht im Matthäus 7: 3-5
3 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? 4 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! - und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? 5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.
Es wäre doch so einfach. Bin ich
Autofahrer, dann behandle ich den Fussgänger wie ein König, achte stets auf
Bremsbereitschaft; fahre defensiv und stets sehr vorsichtig, denn war nicht
auch ich schon als Fussgänger leichtsinnig und unvorsichtig? Und bin ich als
Fussgänger unterwegs dann sehe ich mich vor, dass ich am Zebrastreifen sicher
stelle, dass mich der Autofahrer gesehen hat, bevor ich auf die Strasse laufe,
denn habe ich nicht auch schon als Autofahrer unvorsichtigerweise einen
Fussgänger übersehen, den ich eigentlich hätte sehen sollen?
Rücksichtnahme wäre eine sehr wohl tuende
Eigenschaft für unser Zusammenleben. Zwar bin ich heute vielleicht der junge
unter Zeitdruck stehende Autofahrer, aber erst gestern war ich selbst das
leichtsinnige Kind auf meinem Fahrrad oder am Zebrastreifen und morgen bin
vielleicht ich der unsichere Mann am Stock, der über die Strasse will.
Roland Diezi